Wenn Ornamente unter Jahrzehnten Farbe verschwinden

Alter Stuck kann erstaunlich viel aushalten.

Was ihm allerdings häufig nicht gutgetan hat, sind Jahrzehnte immer neuer Farbanstriche.

Gerade in Mietwohnungen wurde bei jeder Renovierung einfach wieder weiß gestrichen. Irgendwann liegen so viele Farbschichten übereinander, dass feine Linien, Blätter, Rosetten und andere Ornamente kaum noch zu erkennen sind.

Dann sieht der Stuck nicht mehr plastisch aus.

Er wirkt schlicht zugeschmiert.

Das Schöne daran:

Unter diesen Farbschichten kann die ursprüngliche Form noch erstaunlich gut erhalten sein.

Erst prüfen, dann freilegen

Früher hätte ich gesagt:

Hier hilft nur eine radikale Rosskur.

Heute würde ich einen Schritt früher anfangen.

Zuerst muss geklärt werden, welche Farbschichten überhaupt auf dem Stuck liegen.

Wasserlösliche alte Leimfarben reagieren anders als moderne Dispersionsfarben oder Lacke. Auch tragfähige historische Fassungen können erhaltenswert sein. In der Restaurierung werden deshalb zunächst Bestand und Farbschichten untersucht und häufig kleine Probeflächen angelegt. Gerade bei historisch wertvollen Oberflächen kann eine solche Befunduntersuchung sogar zeigen, wie der Raum ursprünglich farbig gestaltet war.

Nicht alles Alte muss herunter.

Manchmal ist gerade eine ältere Farbfassung Teil der Geschichte.

Eine kleine Probefläche spart viel Ärger

Vor einer Probefläche müssen lose Stuckteile gesichert und Hinweise auf Schadstoffe geklärt sein. Bei begründetem Verdacht die Beschichtung zunächst fachkundig untersuchen lassen. Erst dann würde ich an einer unauffälligen Stelle ausprobieren, wie die Beschichtung reagiert.

Lässt sie sich mit etwas Feuchtigkeit anlösen?

Bleibt sie völlig hart?

Löst sich nur die oberste Schicht?

Oder beginnt bereits der Stuck darunter Schaden zu nehmen?

Solche Fragen lassen sich an zehn Quadratzentimetern wesentlich günstiger beantworten als an einer ganzen Zimmerdecke.

Wasser kann helfen – aber nicht immer

Bei wasserempfindlichen alten Beschichtungen kann vorsichtiges Anfeuchten tatsächlich helfen.

Ich habe dafür damals einen Schwamm, einen Tapezierpinsel und auch den guten alten Keulenpinsel benutzt.

Die Oberfläche wird dabei langsam angefeuchtet und anschließend vorsichtig mechanisch bearbeitet.

Aber eine starre Regel wie „mehrere Stunden komplett nass halten“ würde ich heute nicht mehr geben.

Nicht jeder Stuck und nicht jede Beschichtung verträgt dieselbe Menge Wasser.

Auch professionelle Restaurierungsverfahren unterscheiden ausdrücklich zwischen wasserempfindlichen und wasserbeständigen Untergründen.

Mit Gefühl statt mit Gewalt

Für die vorsichtige Eigenarbeit würde ich keine scharfen Werkzeuge einsetzen. Restauratoren können je nach Befund auch feinere Spezialwerkzeuge verwenden.

Im Gegenteil.

Ein stumpfer Modellier- oder Rundspachtel, geeignete kleine Werkzeuge und weiche Bürsten geben deutlich mehr Kontrolle.

Das Ziel ist nicht:

möglichst schnell Farbe herunter.

Das Ziel ist:

möglichst viel Originalsubstanz erhalten.

Historischer Stuck kann an feinen Kanten und Ornamenten empfindlich sein. Denkmalpfleger und Restaurierungsbetriebe arbeiten deshalb material- und formgerecht und ergänzen Fehlstellen erst nach entsprechender Untersuchung.

Wenn die Farbe nicht weich wird

Dann nicht immer kräftiger kratzen.

Spätere Dispersions-, Latex- oder Lackschichten können sich mit Wasser kaum oder gar nicht lösen. Fachbetriebe verwenden dafür je nach Aufbau andere Verfahren – beispielsweise speziell abgestimmte Abbeiz-, Dampf- oder Reinigungsverfahren.

Spätestens wenn mehrere unterschiedliche Beschichtungen übereinanderliegen, kann professionelle Hilfe viel Schaden verhindern.

Besonders schade wäre es, eine gut erhaltene hundert Jahre alte Stuckkante innerhalb von zehn Minuten mit dem Spachtel abzubrechen.

Vorsicht bei unbekannten alten Beschichtungen

Bei sehr alten Gebäuden weiß man oft nicht, was im Laufe der Jahrzehnte alles verwendet wurde.

Alte Beschichtungen können problematische Stoffe enthalten. Die BAuA weist beispielsweise darauf hin, dass in älteren Gebäuden noch bleihaltige Farbschichten vorhanden sein können und beim Schleifen gefährlicher Staub entstehen kann. In Gebäuden, die vor dem 31. Oktober 1993 gebaut oder saniert wurden, können auch Putze, Spachtelmassen oder Anstrichstoffe Asbest enthalten.

Deshalb würde ich bei unbekannten Schichtaufbauten nicht trocken schleifen, fräsen oder großflächig Staub erzeugen, bevor klar ist, womit man es zu tun hat.

Lose oder beschädigte Stuckteile zuerst sichern

Wenn der Stuck selbst Risse hat, locker sitzt oder sich Teile von der Decke lösen, steht die Farbentfernung nicht an erster Stelle.

Dann geht es zuerst um die Substanz.

Lose historische Elemente sollten gesichert und beschädigte Bereiche fachgerecht ergänzt werden. Restaurierungsbetriebe rekonstruieren fehlende Ornamente beispielsweise durch Abformungen oder modellierte Ergänzungen.

Bei größeren Schäden würde ich deshalb einen Stuckateur oder Restaurator hinzuziehen.

Und danach wieder streichen?

Natürlich kann restaurierter Stuck wieder farbig gestaltet werden.

Ich habe seinerzeit beispielsweise mit Kupfer- und Bronzetönen experimentiert.

Das kann sehr edel aussehen.

Aber auch hier würde ich heute zuerst anschauen, was der Stuck und der Raum bereits mitbringen.

Unter vielen weißen Schichten können historische Farbfassungen liegen, die wesentlich spannender sind als jede neue Effektfarbe.

Bei denkmalgeschützten Innenräumen kann die ursprüngliche Farbigkeit sogar Grundlage für das spätere Gestaltungskonzept sein.

Deshalb:

Erst freilegen und anschauen – dann über die neue Farbe entscheiden.

Drei Wochen für zwei Zimmer

Wer diese Arbeit selbst macht, sollte eines nicht unterschätzen:

Zeit.

Ich habe in meiner Wohnung für den Stuck in zwei Zimmern fast drei Wochen gebraucht.

Immer wieder anfeuchten.

Vorsichtig lösen.

Bürsten.

Zurückgehen.

Noch einmal ansehen.

Und das Ganze häufig über Kopf.

Das ist keine schnelle Wochenendrenovierung.

Aber genau deshalb erinnert man sich später auch daran.

Arbeiten über Kopf

Ein letzter ganz praktischer Punkt:

Arbeiten an der Decke sind anstrengend.

Wer stundenlang auf einer Leiter steht, konzentriert sich irgendwann weniger auf den Stuck und mehr darauf, dass Arme und Nacken wehtun.

Deshalb sichere Arbeitsmittel verwenden, vernünftige Pausen machen und nicht versuchen, aus einer wackeligen Leiter eine Arbeitsbühne zu machen.

Der Stuck läuft nicht weg.

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Tipps vom Altbaumeister

Alten Stuck nicht mit Gewalt freilegen.

Wenn eine Farbschicht sich lösen lässt, vorsichtig arbeiten.

Wenn sie sich nicht lösen lässt, erst herausfinden, warum.

Und vor allem:

Nicht jede Unebenheit und nicht jede alte Farbschicht ist ein Fehler.

Manchmal findet man beim Freilegen etwas, das hundert Jahre niemand mehr gesehen hat.

Genau deshalb lohnt sich die Geduld.

Und wenn nach zwei Stunden gerade einmal zwanzig Zentimeter Ornament wieder sichtbar sind:

Das ist beim Stuck kein Misserfolg.

Das ist Fortschritt.

Quellen

Restaurierung und Erhalt historischer Substanz: https://www.denkmalpflege-bw.de/geschichte-auftrag-struktur/bau-und-kunstdenkmalpflege/restaurierung

Asbest in alten Baumaterialien: https://www.baua.de/DE/Themen/Chemikalien-Biostoffe/Gefahrstoffe/Informationsportal-Asbest/FAQ/Asbest-FAQ

Gefährdungen bei der Entfernung bleihaltiger Altanstriche: https://www.baua.de/DE/Angebote/Veranstaltungen/Dokumentationen/Gefahrstoffe/Blei-Workshop-2009