Interview mit dem Altbaumeister: Über die Altbautür
Wohnungsbesitzer:
Hey Jochen, du hast doch damals schon bei deinem Vater Altbau-Sanierung gelernt und von ihm viele Tipps und Tricks mitbekommen. Ich finde meine Tür hier eigentlich wunderschön. Sie ist ungefähr hundert Jahre alt – aber an einigen Stellen hat sie Risse im Lack.
Ist die Tür damals schlecht gemacht worden oder was ist da los?
Altbaumeister:
Nein, daraus würde ich nicht schließen, dass die Tür schlecht gebaut wurde.
Holz arbeitet. Es nimmt abhängig von der Luftfeuchtigkeit Feuchtigkeit auf und gibt sie wieder ab. Dabei quillt und schwindet es. Und bei einer alten Rahmen-Füllungs-Tür bestehen die einzelnen Bereiche aus unterschiedlich angeordneten und dimensionierten Holzteilen.
Gerade an Übergängen, Füllungen und Verbindungen kann man deshalb nach vielen Jahrzehnten Bewegungen sehen. Der Lack macht diese Bewegungen nicht immer mit und kann dort reißen.
Wenn man sich diese Tür genauer anschaut, sieht man gleichzeitig, wie sorgfältig sie verarbeitet wurde. Die Lackoberfläche ist erstaunlich gleichmäßig. Auch an den Profilen und an den Glaskanten findet man nicht einfach nur dicke Schichten von immer wieder darübergestrichener Farbe.
Das spricht für eine handwerklich ordentlich behandelte Tür.
Wohnungsbesitzer:
Also sagst du: Obwohl sie diese Risse hat und für mich nicht mehr perfekt aussieht, ist das für eine hundert Jahre alte Tür eigentlich gar nicht schlecht?
Altbaumeister:
Genau.
Ein Riss im Lack bedeutet nicht automatisch, dass die Tür schlecht ist.
Viel wichtiger ist doch: Ist das Türblatt noch gerade? Funktionieren die Beschläge? Schließt die Tür vernünftig? Ist das Holz gesund? Sitzen die Verbindungen noch?
Wenn das nach hundert Jahren noch funktioniert, dann hat jemand damals offenbar einiges richtig gemacht.
Wohnungsbesitzer:
Was würde denn heute so eine Tür kosten?
Altbaumeister:
Das lässt sich seriös nicht pauschal sagen.
Man müsste eine vergleichbare Tür anfertigen lassen – mit Profilen, Glas, Beschlägen und den entsprechenden handwerklichen Details. Gerade wenn man eine historische Ausführung wirklich nachbauen möchte, wird daraus schnell eine individuelle Tischlerarbeit.
Und die alten Beschläge und das Glas gehören für mich sowieso zur Tür dazu. Solche Details würde ich nicht einfach wegwerfen, nur weil irgendwo ein Lackriss vorhanden ist.
Wohnungsbesitzer:
Also lieber reparieren als eine neue Tür kaufen?
Altbaumeister:
Wenn die Substanz gut ist: unbedingt zuerst prüfen, was sich erhalten lässt.
Eine neue Tür ist neu.
Diese hier hat hundert Jahre hinter sich.
Wohnungsbesitzer:
Und was mache ich jetzt mit meinen Rissen?
Altbaumeister:
Zuerst würde ich überhaupt nichts überstürzen.
Man muss unterscheiden zwischen einem rein optischen Riss in einer Beschichtung und einem tatsächlichen Schaden am Holz oder an der Konstruktion.
Wenn die Tür funktioniert und der Riss nicht weiter problematisch ist, kann man ihn auch einfach akzeptieren.
Das gehört für mich zum Altbau dazu.
Wohnungsbesitzer:
Und wenn ich ihn unbedingt weghaben möchte?
Altbaumeister:
Dann sollte man zuerst schauen, welche Beschichtung überhaupt vorhanden ist und wie der Untergrund aussieht.
Einfach irgendeine Spachtelmasse in einen Riss drücken und Farbe darüberstreichen halte ich heute für zu pauschal.
Gerade bei einer alten Tür weiß man zunächst nicht, welche Materialien und wie viele Beschichtungsschichten dort im Laufe der Jahrzehnte verwendet worden sind.
Eine lokale Reparatur kann funktionieren. Sie kann aber genauso sichtbar bleiben oder später wieder reißen.
Wenn man ein wirklich gleichmäßiges Ergebnis möchte, muss man deshalb eventuell eine größere Fläche bearbeiten.
Wohnungsbesitzer:
Also die komplette Tür abschleifen?
Altbaumeister:
Nicht automatisch.
Gerade bei einer historischen Tür würde ich zuerst überlegen, was überhaupt erhalten werden kann.
Eine alte Oberfläche kann selbst Teil der Geschichte einer Tür sein. Und jeder vollständige Schliff nimmt Material weg.
Wenn es sich um eine besonders wertvolle historische Tür handelt oder möglicherweise noch historische Oberflächen vorhanden sind, sollte ein Restaurator oder ein entsprechend erfahrener Fachbetrieb draufschauen.
Und noch etwas ist bei sehr alten Türen wichtig: Man weiß nicht automatisch, was sich unter den jüngeren Farbschichten befindet.
Alte Beschichtungen können beispielsweise bleihaltige Bestandteile enthalten. Deshalb würde ich alte Farbschichten nicht einfach großflächig abschleifen oder erhitzen, ohne vorher zu wissen, womit ich es zu tun habe.
Wohnungsbesitzer:
Aber wenn ich sie komplett in den Zustand von damals zurückversetzen möchte?
Altbaumeister:
Da fängt schon die nächste Frage an:
Was bedeutet eigentlich „wie damals“?
Wir wissen bei einer hundert Jahre alten Tür zunächst gar nicht, welche ihrer Oberflächen wirklich die erste war. Vielleicht war sie lasiert, vielleicht gestrichen, vielleicht wurde sie schon sehr früh verändert.
Bevor man sämtliche Farbschichten entfernt, müsste man eigentlich erst herausfinden, was man da vor sich hat.
Und gerade bei einer alten Tür würde ich nicht automatisch sagen: Farbe runter bis aufs blanke Holz.
Denn wenn historische Oberflächen verloren sind, bekommt man sie nicht wieder.
Wohnungsbesitzer:
Das heißt, das komplette Abbeizen oder Abbrennen wäre für dich keine normale Heimwerkerlösung mehr?
Altbaumeister:
Nein.
Bei einer alten Tür würde ich solche Verfahren nicht einfach auf Verdacht einsetzen.
Chemisches Entschichten kann Holz und historische Oberflächen verändern. Starkes Erhitzen kann ebenfalls problematisch sein. Dazu kommt bei unbekannten Altanstrichen die Frage möglicher Schadstoffe.
Wenn eine Tür wirklich vollständig restauriert werden soll, würde ich sie einem Betrieb geben, der Erfahrung mit historischen Bauteilen hat.
Das kostet natürlich mehr als einmal Farbe darüberzurollen.
Aber dann weiß man wenigstens, warum man welchen Arbeitsschritt macht.
Wohnungsbesitzer:
Du bist ja ein Altbaufreak und magst möglichst viel Originalsubstanz. Was ist denn eigentlich das Besondere an so einer alten Tür?
Altbaumeister:
Für mich ist es die Kombination.
Das Holz. Die Konstruktion. Die Profile. Das Glas. Die Beschläge. Und vor allem die Tatsache, dass alles zusammen nach ungefähr hundert Jahren noch funktioniert.
Manchmal sieht man alten Bauteilen ihre Qualität erst an, wenn man versucht, sie zu ersetzen.
Eine Tür, die nach einem Jahrhundert noch gerade im Rahmen hängt und sich vernünftig öffnen und schließen lässt, hat ihre Gebrauchstauglichkeit ziemlich eindrucksvoll bewiesen.
Wohnungsbesitzer:
Also ist die Tür so etwas wie ein alter Bugatti?
Altbaumeister:
Na ja – wir wollen es nicht übertreiben. 🙂
Aber der Gedanke stimmt schon.
Bei einem alten Auto würde niemand sagen: Da ist ein kleiner Kratzer, also werfen wir das Auto weg.
Man schaut, was original ist, was funktioniert, was repariert werden muss und was man besser in Ruhe lässt.
Bei einer guten alten Tür würde ich genauso vorgehen.
Wohnungsbesitzer:
Und das Spaltmaß? Unten ist es etwas anders als oben.
Altbaumeister:
Bei einer alten Holztür darf man nicht den Maßstab einer industriell gefertigten neuen Tür anlegen.
Holz verändert sich durch Feuchtigkeit und Nutzung, Gebäude setzen sich, Beschläge nutzen sich ab und Türen werden über Jahrzehnte tausende Male geöffnet und geschlossen.
Entscheidend ist nicht, ob überall auf den Zehntelmillimeter dasselbe Spaltmaß vorhanden ist.
Entscheidend ist, ob die Tür vernünftig funktioniert.
Wohnungsbesitzer:
Sie funktioniert. Und sie ist ungefähr hundert Jahre alt.
Altbaumeister:
Eben.
Das ist doch eigentlich das Entscheidende.
Wohnungsbesitzer:
Also haben wir hier einen Rolls-Royce oder Bugatti, der gut gepflegt ist, aber eben nicht mehr ganz perfekt?
Altbaumeister:
Von mir aus. 🙂
Und genau deshalb würde ich wegen eines kleinen Risses nicht anfangen, die gesamte Tür auseinanderzunehmen.
Wenn irgendwann eine vollständige Renovierung ansteht, kann man sich die Tür vernünftig vornehmen.
Bis dahin würde ich sie benutzen.
Wohnungsbesitzer:
Und wenn Geld überhaupt keine Rolle spielen würde?
Altbaumeister:
Dann würde ich die Tür nicht radikaler behandeln.
Ich würde sie einem guten Fachbetrieb geben und sagen:
Schaut euch an, was vorhanden ist. Erhaltet so viel wie möglich. Repariert das, was wirklich repariert werden muss.
Und dann möchte ich genau diese Tür zurückhaben.
Nicht irgendeine neue Tür, die so ähnlich aussieht.
Wohnungsbesitzer:
Weil hundert Jahre eben hundert Jahre sind?
Altbaumeister:
Hundert Jahre sind hundert Jahre. Genau.
Wohnungsbesitzer:
Danke für das Gespräch.
Tipp vom Altbaumeister
Bei alten Türen gilt für mich: Nicht jeder Riss ist ein Schaden und nicht jede Gebrauchsspur muss beseitigt werden.
Bevor geschliffen, gespachtelt oder vollständig entlackt wird, zuerst prüfen, welche Substanz vorhanden ist und was tatsächlich repariert werden muss.
Eine hundert Jahre alte Tür darf auch hundert Jahre alt aussehen.
Für direkte Hilfe und weitere Unterstützung beantworten Sie ein paar Fragen zu Ihrem Altbau:



